Über das Entscheiden

Kopf, Bauch, Zufall und die Frage nach dem freien Willen

Zwei Systeme in einem Kopf

Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman beschreibt in seinem Buch Thinking, Fast and Slow (deutsch: Schnelles Denken, langsames Denken) ein Bild, das sich seither in unzähligen Köpfen festgesetzt hat: In uns arbeiten gewissermaßen zwei Denksysteme. Das schnelle System reagiert automatisch, mühelos und emotional – es erkennt ein wütendes Gesicht in Sekundenbruchteilen und weiß sofort, ob uns ein Raum sympathisch ist. Das langsame System dagegen ist der bedächtige Rechner in uns: Es prüft, vergleicht, wägt ab – und es ist erstaunlich faul. Anstrengung vermeidet es, wo es nur kann.

Viele Alltagsentscheidungen trifft in Wahrheit das schnelle System, während das langsame hinterher nur noch die Begründung liefert. Das ist meistens kein Fehler, sondern effizient: Wer jeden Morgen neu durchrechnen müsste, welche Socken die optimale Wahl sind, käme nie aus dem Haus. Schwierig wird es dort, wo beide Systeme uneins sind – wenn der Bauch längst „ja“ sagt, der Kopf aber noch drei Tabellen vergleichen will. Genau dieses Ziehen in zwei Richtungen erleben wir als quälende Unentschlossenheit.

Warum uns Entscheidungen erschöpfen

Entscheiden kostet Kraft, und zwar messbar. Die Forschung spricht von Entscheidungsmüdigkeit: Nach vielen Entscheidungen hintereinander sinkt die Qualität der folgenden – wir werden impulsiver oder schieben Entscheidungen ganz auf. Nicht zufällig tragen manche Menschen, die täglich Hunderte Entscheidungen treffen müssen, jeden Tag praktisch dieselbe Kleidung: Sie sparen ihre Entscheidungsenergie für die wichtigen Fragen.

Dazu kommt das Paradox der Wahl. Man sollte meinen, mehr Auswahl mache uns freier und zufriedener. Tatsächlich zeigt sich oft das Gegenteil: Wer zwischen sechs Marmeladensorten wählt, ist hinterher zufriedener als jemand, der zwischen vierundzwanzig wählen musste. Je größer die Auswahl, desto größer die Angst, sich falsch zu entscheiden – und desto lauter die Frage: Was, wenn eine der anderen Optionen besser gewesen wäre?

Und schließlich wiegt Verlust schwerer als Gewinn. Kahneman und sein Forschungspartner Amos Tversky konnten zeigen, dass sich der Schmerz über einen Verlust ungefähr doppelt so stark anfühlt wie die Freude über einen gleich großen Gewinn. Deshalb fürchten wir bei Entscheidungen weniger das Neue als das, was wir dafür aufgeben müssen. Wer sich für einen Weg entscheidet, verabschiedet sich von allen anderen – und genau dieser Abschied macht das Entscheiden schwer.

Der kleine Trick mit dem Zufall

Hier kommt – ganz unbescheiden – ein Rad wie dieses ins Spiel. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard bemerkte schon vor bald zweihundert Jahren, dass man es beim Entscheiden ohnehin nie allen Stimmen im Kopf recht machen kann. Ein Zufallsgenerator durchschlägt den Knoten: Er entscheidet einfach.

Das Verblüffende daran: Oft merkt man erst in dem Moment, in dem das Rad stehen bleibt, was man eigentlich will. Zeigt es auf „Pizza“ und im Bauch macht sich leise Enttäuschung breit – dann war die Antwort offenbar Sushi. Der Zufall trifft hier gar nicht die Entscheidung; er macht nur die Entscheidung sichtbar, die längst gefallen war. Psychologisch ist das ein eleganter Zugang zum schnellen System: Das Rad zwingt den Bauch, Farbe zu bekennen. Und bei Fragen, bei denen wirklich alle Optionen gleich gut sind – wer beginnt beim Spieleabend, wer bekommt welche Farbe –, ist der Zufall schlicht der fairste Schiedsrichter, den es gibt.

Gibt es Zufall überhaupt?

Über dem Rad auf dieser Seite steht augenzwinkernd: „Zufall gibt es nicht …“ – und tatsächlich streitet die Philosophie über genau diese Frage seit der Antike. Der Determinismus behauptet: Jedes Ereignis hat eine Ursache, und wer alle Ursachen kennte, könnte jede Zukunft vorhersagen. Der französische Mathematiker Pierre-Simon Laplace stellte sich dazu einen allwissenden Dämon vor, für den die Welt wie ein Uhrwerk abliefe – auch die Drehung eines Glücksrads wäre für ihn keine Überraschung, sondern simple Physik aus Schwung, Reibung und Startposition.

Der Fatalismus geht noch einen Schritt weiter und sagt: Was geschehen soll, geschieht ohnehin – ganz gleich, was wir tun. Während der Determinist unser Handeln als Teil der Ursachenkette ernst nimmt, zuckt der Fatalist mit den Schultern: Das Schicksal steht fest. In den großen stoischen Denkern der Antike, etwa Epiktet, findet sich eine mildere, sehr praktische Variante dieses Gedankens: Unterscheide, was in deiner Macht steht, von dem, was nicht in deiner Macht steht – und verwende deine Sorge nur auf Ersteres. Das ist bis heute ein erstaunlich guter Rat gegen das Grübeln.

Eine besonders poetische Spielart dieses Gedankens findet sich bei der tschechischen Mystikerin Ivanka Adamcová. Nach ihrer Lehre entwirft die Seele ihren gesamten Lebensplan bereits vor der Geburt – bis hin zu der Frage, was wir an einem bestimmten Morgen anziehen werden. Unsere Aufgabe sei es, diesen göttlichen Plan ohne inneren Widerstand zu durchlaufen und die Lektionen anzunehmen, die wir uns selbst vorgenommen haben. „Es geschehe der Wille Gottes“, heißt es bei ihr – wie im Himmel geplant, so geschieht es auf Erden. Konsequent zu Ende gedacht bedeutet das natürlich auch: Dass du gerade jetzt auf dieser Seite bist und gleich das Entscheidungsrad drehst, war ebenfalls längst vorgesehen. Das Rad verrät dir also womöglich gar nichts Neues – es erinnert dich nur an etwas, das deine Seele schon lange weiß.

Die moderne Physik hat das Uhrwerk-Bild übrigens angekratzt: In der Quantenmechanik scheint es Ereignisse zu geben, die echt zufällig sind und sich prinzipiell nicht vorhersagen lassen. Ob dieser Zufall im Kleinsten allerdings irgendetwas mit unserer Freiheit im Großen zu tun hat, ist eine offene und heiß diskutierte Frage – ein Würfelwurf im Gehirn wäre ja auch noch keine freie Entscheidung.

Und der freie Wille?

Wenn alles Ursachen hat – auch unsere Gedanken, Wünsche und Abwägungen –, sind wir dann überhaupt frei? Die Philosophie kennt darauf mehrere Antworten. Harte Deterministen sagen: nein, Freiheit ist eine Illusion, wenn auch eine nützliche. Libertarier (im philosophischen, nicht politischen Sinn) sagen: doch, es gibt echte Freiheit, also kann die Welt nicht vollständig determiniert sein. Und dazwischen steht die heute wohl verbreitetste Position, der Kompatibilismus: Freiheit und Determinismus schließen sich gar nicht aus. Frei ist demnach, wer nach seinen eigenen Wünschen und Überlegungen handelt, ohne Zwang von außen – auch wenn diese Wünsche ihrerseits Ursachen haben. Schon der schottische Philosoph David Hume argumentierte in diese Richtung; später hat Arthur Schopenhauer das Dilemma in einen berühmten Satz gefasst, wonach der Mensch zwar tun kann, was er will, aber nicht wollen kann, was er will.

Die Existenzialisten des zwanzigsten Jahrhunderts, allen voran Jean-Paul Sartre, drehten den Spieß schließlich um: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Selbst wer sich nicht entscheidet, hat sich entschieden – nämlich für das Nichtentscheiden. Aus dieser Sicht ist die Last, die wir beim Entscheiden spüren, kein Konstruktionsfehler, sondern der Preis der Freiheit selbst.

Was heißt das für dich und das Rad?

Vielleicht dies: Die meisten Alltagsentscheidungen verdienen weniger Grübelei, als wir ihnen widmen. Für die kleinen Fragen ist der Zufall ein wunderbar unbestechlicher Helfer – und manchmal ein Spiegel, der uns zeigt, was wir insgeheim längst wollten. Für die großen Fragen ersetzt kein Rad das Nachdenken; aber auch dort hilft die stoische Unterscheidung, was wir beeinflussen können und was nicht. In diesem Sinne: Trag deine Optionen ein, gib dem Rad einen Schwung – und hör genau hin, was dein Bauch sagt, wenn es stehen bleibt.

Jetzt Rad drehen 🎡